Heinrich Heine - Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Kurt Tucholsky - Letzte Fahrt

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht...
Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk: »Ach, polk dich aus!«


Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun faßt der Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh...
Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da...
Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erste, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küßte; die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie – aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Bussen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt,
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,
da schreiten zwoundzwonzig Nutten
sie schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem..

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysich.
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich schweige tief. Und bin mich endlich los.

Schnee

Der Winter ist bereit
den Vögeln friert das Gefieder
Wenn es schneit, fällt Stille nieder

Es wird immer kälter
Politisch korrekt

Die Tauben immer blasser
die Liberalen immer wieder
Wenn es schneit, fällt Stille nieder

Am Ende siegt die Krähe
das Feuer ist nicht mehr weit

Das Spinett erklingt zum letzten Mal
Der Barmann weint
Wenn es schneit, fällt Stille nieder

 

Die Gefühle sind befreit
die Gedanken nicht mehr bieder
Wenn es schneit, fällt Stille nieder

 

"Wenn es schneit, fällt Stille nieder,
erklärte mir meine Mutter, als ich Kind war."

(Joel Haahtela, "Sehnsucht nach Elena",Piper Nordiska, 2009)

Mit der schönste Schluss eines Buches, den ich kenne!

Gottfried Benn - Nur zwei Dinge

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage. 
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.